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Der Mond

(Interview)

Darf ich fragen, worüber Sie nachdenken?
Im Augenblick?
Sie machen ein unglückliches Gesicht.
Doppelpunkt, Klammer auf, und die Menschen meinen, ein unglückliches Gesicht zu erkennen. Glauben Sie wirklich, irgendetwas über mein Gesicht zu wissen?
Stellen Sie gerne Fragen?
Man stellt die richtigen Fragen, um falsche Aussagen zu vermeiden. Das macht man so.
Sie haben vor rund neun Monaten Ihren Fuß auf den Mond gesetzt, als erster kleinwüchsiger Mensch. Macht Sie das stolz?
Die Frage ist diskriminierend. Fragen Sie nicht nach meinem Stolz, fragen Sie nach den technischen Gegebenheiten. Sobald die technischen Gegebenheiten an unsere körperlichen Umstände angepasst wurden, stellte sich uns keine unsere Körperlichkeit betreffende Herausforderung mehr. Es ist allein eine Frage der Technik, nicht mein Verdienst.
Denn diese Fragen stehen hinter aller Technik: Für wen wurde sie entwickelt und von wem und warum. In der Technik spiegelt sich der Geist des Erfinders und, wenn Sie so wollen, auch seine Ressentiments. Wenn Sie mich fragen: Den meisten Erfindungen liegt ein verbohrter Geist zugrunde. Insofern ist Technik an sich diskriminierend, sexistisch, nationalistisch. Erfinder sind niemals unparteiisch, und Ihre Frage trifft nicht den Punkt: Natürlich macht es mich glücklich, dass ich unter diesen Bedingungen privilegiert war, die ersten Schritte zu tun. Denn, ich möchte berichtigen: Ich habe beide Füße auf den Mond gesetzt.
Wie sich die Dinge jedoch entwickeln, ist davon auszugehen, dass meine Schritte überhaupt die letzten Schritte sein werden, die auf diesem Mond getan wurden, getan werden. Zumindest für eine lange Zeit. Nicht die letzten Schritte eines Kleinwüchsigen, sondern die letzten Schritte eines Wesens unserer Art. Zumindest für das folgende Jahrhundert.
Was meinen Sie? Kein Mensch mehr wird den Mond betreten?
Davon dürfen Sie ausgehen.
Ihre nächste Reise wurde abgesagt?
Das dürfen Sie daraus schließen.
Das überrascht mich aber sehr. Das ist eine unerwartete Neuigkeit. Bitte führen Sie das weiter aus.
Wie in solchen Fällen üblich, gibt es wenigstens zwei Erklärungen: eine offizielle und die wirklichen Gründe, die meist geheim sind. Dazu noch die Verschwörungstheorien.
Dann würde mich zunächst die offizielle Erklärung interessieren. Wirklich, es mir vollkommen neu, ich habe noch nichts davon gehört. Ich hatte eigentlich vor, mich mit Ihnen über Ihre nächste Reise zu unterhalten. Nun aber höre ich von Ihnen, der Mond wird nicht mehr betreten werden. Warum nicht?
Aus gesundheitlichen Gründen. Aber das können Sie sich doch denken. Die meisten öffentlichen Erklärungen verweisen auf die sogenannten „gesundheitlichen Gründe“.
Aus gesundheitlichen Gründen? Bitte führen Sie das weiter aus.
Schon von meinen Vorgängern und Vorgängerinnen wurde die Beschaffenheit eines bestimmten Gasgemenges untersucht, welches auf dem Mond in schwacher aber stabiler Zusammensetzung vorhanden ist. Dieses spezielle Gemenge war lange Zeit völlig unbekannt, weil in dieser Zusammensetzung auf der Erde nicht existiert. Die Forschung ergab, dass in dem Fall eines Kontaktes dieses Gases mit unserer funktionalen Astronautenkleidung – der Kontakt ist bei einem Aufenthalt auf dem Trabanten unvermeidlich – wiederum eine bestimmte Verbindung entsteht. Diese Verbindung wird als "gesundheitlich nicht unbedenklich" kategorisiert.
Inwiefern?
Der Kontakt der Verbindung mit der Haut steht in Verdacht, psychische Erkrankungen auszulösen. Bewusstseinsstörungen, Depressionen, Paranoia.
Verzeihen Sie die Frage, ist es denn nicht möglich, die Astronautenkleidung aus einem anderen Stoff zu fertigen?
Nein. Derzeit gibt es genau einen bestimmten Bestandteil, der die spezielle Funktionalität astronautischer Textilien garantiert. Und genau dieser Bestandteil erwies sich in Verbindung mit dem Gemenge als problematisch. Angeblich. Ich bin dieser Begründung gegenüber ohnehin kritisch eingestellt, um es positiv auszudrücken.
Wie meinen Sie das?
Die überdurchschnittliche psychische Labilität einiger ehemaliger Weltraumfahrer, von der die Rede ist, lässt sich meines Erachtens auf eine Bandbreite außergewöhnlicher Umstände zurückführen. Der Kontakt mit dieser chemischen Substanz ist nur ein Umstand und, wenn Sie mich fragen, ein nebensächlicher. Menschen, die Erfahrungen mit Extremen machen, sind psychisch vollkommen anders dispositioniert, als es der sogenannte Durchschnittsmensch ist.
Um sich für eine Expedition ins All bereit zu erklären, bedarf es einer herausragenden psychischen Disposition. Natürlich werden bei all diesen Menschen psychische Auffälligkeiten festgestellt.
Es mag stimmen, dass diese Gase nicht unbedenklich sind. Doch das geringste wirtschaftliche oder politische Interesse würde es rechtfertigen, weiterhin Menschen dort hinzuschicken. Selbst wenn es dort von Aliens wimmeln würde. Eine Debatte um unsere Gesundheit ist nichts weiter als populistischer Schwachsinn!
Was halten Sie für den „wahren“ Grund?
Wirtschaftliche Interessen, politische Interessen. Wie Sie sicher wissen, handelt es sich bei dem Trabanten Mond schon seit längerem um ein Pachtobjekt. Der Konzern x bezahlt jährlich eine, wenn Sie mich fragen, wahnwitzige Summe, an die Konföderation der x Staaten. Eine ganz und gar irrsinnige Summe.
Was verspricht sich der Konzern davon? Offiziell, nun offiziell verfolgt er natürlich keine wirtschaftlichen Interessen. Offiziell handelt es sich viel mehr um einen humanitären Akt, um eine Art karitative Geste. Eine Spende in die jeweiligen Bildungssysteme, in die Gesundheitssysteme der x Staaten. Einrichtungen wie die sogenannten Moon Schools, die Moon Labs, die Moon Hospitals werden komplett daraus finanziert.
Aber Sie wissen auch, niemand handelt ohne Eigeninteresse. Schon gar nicht der Konzern x. Ich sage Ihnen etwas, und ich sage Ihnen, das werden Sie auch bald von offiziellen Stellen zu hören bekommen: Seit Jahren widmet sich die Chemieabteilung Forschung des Konzerns x der Herstellung von Gasen. Insbesondere der Erforschung von Gasteppichen, die sich nicht verflüchtigen. Der Fokus liegt auf der Herstellung eines Gasteppichs, dessen Beständigkeit auch unter extremen Bedingungen garantiert ist. Unter Bedingungen wie Schwerelosigkeit, Vakuum und Temperaturextremen. Verstehen Sie mich richtig: es geht um einen Teppich in der Größe von 38 Millionen Quadratkilometern. Das sind 3,5 Milliarden Fußballfelder.
Aber warum? Wozu dieser Aufwand?
Des Weiteren wird nach Möglichkeiten geforscht, diesen riesigen Teppich mit Farbe zu füllen. Farbe wird in Form von Gas quasi hineingegossen.
Nun bitte raten Sie, worin könnte der Sinn und Zweck eines farbigen Gasteppichs liegen?
Ich habe keine Ahnung, ich weiß es wirklich nicht.
Dabei liegt es so nahe, und ich werde es Ihnen verraten. Es handelt sich schlicht und ergreifend um den größten Werbecoup aller Zeiten. Um einen epochalen Werbecoup.
Der Mond wird bunt? Aber nicht in den Farben des Konzerns x?
Doch, ganz genau! Der Mond als Maskottchen des Konzerns x. So sieht es aus.
Um auf die Raumfahrt zurückzukommen: Ein Aufenthalt in diesem Gasfeld wäre nun wahrlich gesundheitsschädlich, beziehungsweise tödlich für jede Lebensform. Daraus, denke ich, darf man schließen, dass man uns nicht noch ein weiteres Mal dorthin schicken wird. Zumindest ist es unwahrscheinlich. Was sollten wir auch dort? Einen Werbespot drehen?
Das sind unerhörte Neuigkeiten. Würde es dem Werbezweck des Konzerns x nicht genügen, den Werbeteppich auf die von der Erde aus sichtbare Seite des Mondes zu beschränken?
Es war irreführend von einem Teppich zu sprechen, es handelt sich eher um eine Art Mantel. Der Trabant wird von dem Gas ummantelt werden, quasi umschlossen. Ansonsten wäre die Beständigkeit nicht garantiert, und das Gas würde sich innerhalb weniger Monate verflüchtigen.
Die Farbe würde gewissermaßen auslaufen, und es bestünde die Gefahr einer interplanetarischen Verschmutzung. Es ist lediglich der gesunden Aggressivität unserer extraterrestrischen Nachbarn geschuldet, dass man sich, zumindest was die Verschmutzung außerirdischen Territoriums betrifft, in Zurückhaltung übt.

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