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Heiße Luft

(Interview)

Können Sie das Gefühl beschreiben?
Es fühlt sich an, als wäre zu viel heiße Luft in mir.
Ein unangenehmes Gefühl?
Auf jeden Fall. Ich versuche ständig, diese heiße Luft auszuatmen, sie irgendwie loszuwerden, aber leider vergebens bisher.
Haben Sie eine Vermutung, was die Ursache sein könnte?
Nein, nicht wirklich.
Was genau macht dieses Gefühl der heißen Luft mit Ihnen? Können Sie versuchen, das zu beschreiben.
Schwierig. Es fühlt sich an, als hätte ich zu viel Schokolade gegessen, oder Kuchen. So ähnlich. Ein Völlegefühl. Meine Kehle ist heiß. Ich habe das Bedürfnis, mich auszulüften.
Kennen Sie Menschen, die an einem ähnlichen Problem leiden?
In der Tat, es gibt weitere Betroffene. Wir haben uns zu einer kleinen Gruppe zusammengefunden.
Es tut gut, sich auszutauschen?
Es tut gut, einerseits, andererseits scheint es mir, als würde sich unser Problem wechselseitig verstärken.
Der Austausch mit anderen Betroffenen wirkt sich eher negativ aus?
Den Eindruck habe ich bisweilen.
Und sind Sie in Behandlung? Wenn ja, was sagt Ihr Arzt?
Mein Arzt gibt mir den Rat, mich viel zu bewegen und auf eine gesunde Ernährung zu achten. Viel Gemüse, frisches Obst. Er sagt, das Einzige, das gegen das Gefühl hilft, zu viel Kuchen gegessen zu haben, sei, weniger Kuchen zu essen. Das ist alles, was ihm dazu einfällt.
Aber die Sache ist, ich esse überhaupt keinen Kuchen. Das Gefühl ähnelt ja nur dem Gefühl, zu viel Kuchen gegessen zu haben. Das ist doch nur ein Vergleich, den ich heranziehe, um Außenstehenden mein Innenleben mitzuteilen.
Die heiße Luft zu entfernen, erscheint mir weitaus schwieriger, als auf Kuchen zu verzichten. Hätte ich zu viel Kuchen gegessen, würde ich doch von selbst darauf kommen, es mit einem Verzicht zu versuchen.
Ich bewege mich viel und gerne an der kalten Luft, insofern eine vorhanden ist. Dann versuche ich, möglichst große Mengen an kalter Luft einzuatmen und möglichst viel heiße Luft auszuatmen. Auch das leider vergeblich.
Ich fühle mich regelrecht benommen, und ich frage mich, woher kommt sie nur. All diese heiße Luft. Ich habe es damit versucht, viel kaltes Wasser zu trinken. Aber auch das hilft nichts. Ich vermute, die heiße Luft ist die Ursache meiner Nackenschmerzen, Rückenschmerzen, mein Kopf ist schwer und müde, lustlos. Mit mir ist nichts anzufangen. Ich fühle mich träge.
Ich fühle mich voller Watte, voller heißer Watte. Alles in mir ist heiß und flauschig und verhindert jede Entscheidung. Zu nichts kann ich mich entscheiden. Ich kann keinen Schritt tun. Keinen vorwärts, keinen zurück.
Ich fühle mich hilflos. Ich lasse mich nicht mehr ein, auf nichts. Überkommt mich die Lust auf einen Spaziergang, ist mir gleich, als wäre ich überall schon gewesen und wüsste gleichwohl, wie es wäre, wenn - Und dann fehlen mir wieder die Worte, das zu beschreiben.
Bisweilen überkommt mich das Verlangen, Schnee zu essen. Gewöhnlichen weißen Schnee. Große Mengen Schnee. Aber wissen Sie, der Schnee ist schmutzig. Vor allem in der Stadt. Ich kann mich nicht dazu entschließen. Vielleicht würde es was bringen, wer weiß das schon.
Nun ist alles weggetaut. Und es ist doch auch die Luft, die mich so quält. Die Beschwerden hängen mit den Atemwegen zusammen, lässt daraus schließen, denken Sie nicht? Lässt sich daraus nicht folgern, das Problem liegt in der Lunge?
Alles brennt. Was ist Ihre Meinung?
Ich muss sagen, ich finde es bezeichnend, dass es Ihr Zustand nicht einmal zulässt, ein einigermaßen interessantes Interview zu führen. Wenn Sie mir diese Bemerkung verzeihen.
Wollen Sie damit sagen, das liegt an mir?
An wem sonst?
Ja an Ihnen vielleicht?
Mit mir ist so weit alles in Ordnung.
Ich finde es ziemlich schäbig, die Schuld auf mich zu schieben. Ich fühle mich sehr unwohl derzeit, und Sie machen es sich schön einfach. Wenn ich richtig verstanden habe, ist mein Unwohlsein wohl Thema Ihres Interviews.
Sie hätten sich interessante Fragen ausdenken können, aber Sie fragen rein gar nichts. Ich bestreite alles ganz alleine.
Sie haben nichts weiter zu sagen als heiße Luft.
Ich wusste, dass Sie sich diese Anspielung nicht verkneifen werden. Sie liegt auch zu nahe. Verzeihen Sie mir die Bemerkung, aber Sie scheinen mir geradewegs so gestrickt, dass Sie auch jedes Klischee bedienen.
Gibt es irgendwelche Erkenntnisse darüber, ob Ihr Leiden ansteckend sein könnte?
Ehrlich gesagt, ich habe den Eindruck. Wie gesagt: Es schien uns mitunter, als würde sich unser Leiden innerhalb unserer Gruppe wechselseitig verstärken.
Und da ziehen Sie es nicht in Erwägung, mich zu warnen? Das ist grob fahrlässig.
Es handelt sich ja nicht um eine Krankheit im eigentlichen Sinne. Es ist einfach nur so unangenehm.
Wie Sie das sagen, ist mir auch schon ganz seltsam zumute. Mir ist, als erwärme sich mein Hals von innen.
Dann warten Sie nur ab.

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