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Monomalls

(Interview)

Unterhalten Sie sich gerne über Geld?
Im Gegenteil. Über Geld zu sprechen, empfinde ich als Anmaßung. Mir anhören zu müssen, was die Menschen über Geld zu sagen haben. Über das Geld der Anderen, über das eigene. Ein Gerede, das stets zwischen Prahlerei und Gejammere schwankt. Ich finde, das ist nicht auszuhalten, wirklich nicht. Ganz schlimm, erbärmlich, grotesk.
Wie Sie sich ereifern, könnte man doch den Eindruck gewinnen, dass Sie gerne über Geld reden. Das heißt, vielleicht nicht gerne, aber zumindest mit einer gewissen Emotionalität.
Nein, Sie verwechseln etwas: Ich spreche nicht über Geld, sondern über die Leute, die mich mit ihrem ständigen Gerede über Geld in den Wahnsinn treiben. Das ist ein Unterschied.
Wissen Sie, ich hatte lange Jahre wenig Geld. Was nicht weiter verwunderlich ist, geht man keinem geregelten Beruf nach. Aber ich kannte schon immer einige Leute mit viel Geld. Verschiedene Leute, Leute mit mehr Geld, als sie gebrauchen konnten. Und ich sage Ihnen, wenn Menschen ohne Geld über Geld reden, erörtern sie meistens die Tatsache, dass kein Geld vorhanden ist. Sie reden gewissermaßen nicht über Geld, sondern über die Abwesenheit von Geld. Über Schwierigkeiten, die eine Abwesenheit von Geld nach sich zieht. Angenehm ist das keineswegs, sich ein solches Leid klagen zu lassen, aber ich sage Ihnen eines: Nichts ist das im Vergleich zu dem unsäglichen, Tag und Nacht andauernden Singsang, den die Leute anstimmen, wenn Geld in zu großem Ausmaß vorhanden ist. Beziehungsweise, wenn das Ausmaß kontinuierlich anwächst.
Warum?
Na das Zitat kennen Sie doch bestimmt: „Über Geld spricht man nicht, man hat es“. Getty, Ölmilliardär. Wenn Sie mich fragen, natürlich, der Spruch klingt veraltet. Diese alten Sprüche und Weisheiten hält heutzutage keiner mehr aus. Und doch gibt es einen wahren Kern. Seitdem nun jedermann erfährt - „am eigenen Geld“ kann man sagen – wie schnell es sich von selbst vermehrt und wieder verschwindet, seitdem ist es doch gang und gäbe das Thema Geld, salonfähig und in aller Munde.
Die Zeiten, in denen man sein Geld nicht essen konnte und es in kleinem Kreis vererbte, es der nachfolgenden Generation heimlich in die Socken stopfte und auf das Konto schob, diese Zeiten sind lange vergangen. Wo immer Geld ist, vermehrt es sich, immer weiter, schlimmer als die Ratten.
Drum herum stehen die Leute und schauen zu. Versunken in seliger Betrachtung ihres Einkommens, ihrer Anlagen. Andere hegen und pflegen ihre Gärten, abgeschirmt und eingezäunt, stets einsehbar für die Nachbarn. Die sollen zusehen, wie der Kohl gedeiht! Die Tulpenpracht, die guten Rosen. Obacht, dass Nachbars Schädlinge fernbleiben. Haben Ihre Karotten auch gelitten?
So reden sie heutezutage über Geld und klopfen sich mit gutem Gewissen auf ihre eigene Schulter, suchen sich Vergleiche scheinheilig dort, wo sie positiv ausfallen. Das haben wir gut gemacht, ein Dank sei Gott.
Ich bitte Sie, das ist doch abstoßend! Eine furchtbar fantasielose Angelegenheit!
Sie haben auf sich aufmerksam gemacht, als Sie vor einem Jahr einige Kaufhäuser des insolventen Konzerns X samt Belegschaft übernahmen, um sie als Warenhäuser weiter zu führen. Mit dem signifikanten Unterschied, dass Sie jeweils nur ein einziges Produkt anbieten.
Richtig. Vergangnes Jahr eröffnete ich die sogenannten Monomalls. Ich habe mir deutschlandweit zehn Läden des insolventen X-Konzerns gekauft und führe sie jetzt als Monomalls.
Möchten Sie etwas zu Ihrer Geschäftsidee erzählen, die doch mehr als sonderbar ist und, nebenbei gesagt, die Gemüter doch sehr gespalten hat. Unmittelbar nach der Eröffnung des ersten Kaufhauses, versuchten verschiedene Initiativen, eine sofortige Schließung zu erzwingen.
Das hat aber nicht geklappt. Durchaus, es mag sein, dass einigen mein Projekt missfällt. Manche Menschen fühlen sich geradezu angegriffen von meinen neuen Monomalls. Fragen Sie mich nicht, warum. Meine Verkäuferinnen und Verkäufer sind glücklich, denn sie stehen nach der Insolvenz von X nicht auf der Straße. Selbstverständlich ist das ein Tropfen auf den heißen Stein, aber ich wüsste trotzdem nicht, warum die Monomalls deswegen zu verteufeln wären.
Zu Ihrer Frage, die Geschäftsidee ist folgende: Derzeit existieren zehn Monomalls, heißt also, wir verkaufen in zehn Kaufhäusern in zehn Großstädten jeweils ein Produkt. In München Zahnpasta, in Nürnberg Kugelschreiber, in Hamburg Garn, in Stuttgart Ordner, in Leipzig Untersetzer und so weiter.
Was hat das für einen Sinn? Das Sortiment an sich ist ja nicht besonders interessant oder zeichnet sich durch Vielfalt aus.
Da stellen Sie die Frage nach dem Sinn des Kaufhauses als Institution an sich, eine berechtigte Frage. Es ist eine Frage von wenigen Jahren, bis die Menschen ihr gesamtes Hab und Gut im Internet bestellen. Der vollkommen absurden Erscheinung, welche die Einrichtung Kaufhaus bald annehmen wird, greift meine Monomall quasi vor. Ein Kunstgriff sozusagen.
Ist das nicht vollkommen sinnlos?
Der Sinn liegt im Auge des Betrachters, wie man so schön sagt. Meines Erachtens sind die Monomalls Wegbereiter. Und ich versichere Ihnen: Sobald sich der Konsum vollständig ins Internet verlagert hat, sobald Konsum unsichtbar geworden ist – und die Tendenz hat längst begonnen – im Zeitalter des unsichtbaren Konsums, wird unser geliebtes Kaufhaus mit seinem rührenden Massenbefriedigungsanspruch als große, alte Absurdität erscheinen.
Stolz eines längst vergangenen Zeitalters. Fords Masse prächtig aufgereiht in unzähligen Regalen. Man wird Fotografien betrachten, hin und her gerissen zwischen Ekel und Faszination. Sehen Sie die Attitüde, mit welcher der heutige Mensch die Zeugnisse des Faschismus betrachtet. Routiniert und immer höflich empört, wie er es gerne ist, aber dennoch berückt in allem Ekel. Erschüttern wird uns die materialisierte Dreistigkeit, sobald wir sie nur heimlich pflegen. Erschüttern - und dennoch erregen.
Diese Reaktionen antizipiere ich mit meinen Monomalls.
In München verkaufen Sie Zahnpasta auf fünf Etagen?
Richtig. Und in Stuttgart Ordner. Das Sortiment beschränkt sich, wie Sie korrekt erwähnt haben, auf das, was man in jedem x-beliebigen Handel vorfindet. Alles andere wäre albern.
Kauft irgendjemand bei Ihnen ein?
Ja, und ich muss sagen: ja, überraschenderweise. Viele kommen und machen Fotos. Eine Tube Zahnpasta kostet nicht viel, die nimmt man einfach so mit. Oder einen Ordner, jeder braucht Ordner. Wenn ich ab und zu persönlich vor Ort bin, beobachte ich gerne die Menschen und ihre Reaktionen. Für viele, so scheint es mir, ist die Monomall eine Art Ausflugsziel. Sie bummeln und spazieren herum wie in einem Museum. Hat sich der erste Schreck gelegt, gehen sie spazieren wie im Stadtpark und lassen das zahllose Produkt auf sich wirken.
Dabei spielt es nun keine Rolle, ob es sich um Büroklammern handelt oder um Zahnpasta.

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