© Ayumi Rahn | ayumi-rahn.de

STILLE

(Interview)

Besitzen Sie ein Haustier?
Ich finde es interessant, dass Sie das fragen. Stille ist sicher etwas, das sich mit einigen von ihnen besonders gut teilen lässt.
Wie meinen Sie das?
Ich denke mir zum Beispiel, dass Katzen dankbare Stillekatalysatoren sind.
Stillekatalysatoren?
Fische auch, meinetwegen Reptilien. Nun Katalysatoren: es fällt dem Menschen, den meisten Menschen, leichter, still zu sein, Stille zu ertragen, sie gleichsam durch sich hindurchwandern zu lassen, wenn sie dabei nicht alleine sind.
Durch sich hindurchwandern?
Ja. Ich bezeichne es gerne als das Hindurchwandern der Stille. Ich denke, das Bild ist treffend. Stille fließt nicht, sie läuft nicht, sie umgibt uns nicht, sie füllt uns nicht aus. Stille vollzieht eine ruckelnde, hakende, eine zögerliche Bewegung.
Verweilen spielt eine übergeordnete Rolle. Stille hält inne, bewegt sich langsam. Ein Umdenken ist gefragt, was die Richtung betrifft: Nicht der Mensch bewegt sich in die Stille. In die Stille eintauchen, das gibt es nicht. Auch Schallwellen dringen ja in uns. Der Mensch ist ein passiveres Wesen, als er es sich einzugestehen imstande ist. Er sollte sich als Gefäß begreifen. Als eine Art Durchgangsgefäß, einen Hohlkörper. Es ist schwierig, ein treffendes Bild hierfür zu finden. Es fällt mir schwer, das zu beschreiben. Die Stille wandert jedenfalls. Das ist auf alle Fälle ein treffendes Bild.
Und die Gegenwart von Tieren ist für das Erleben der Stille hilfreicher als die von Menschen?
Die Gegenwart von Tieren ist nicht notwendig. Aber die Gegenwart von Menschen ist oftmals hinderlich. Menschen reden. Selbst Blicke, die geworfen werden, unterbrechen die Stille und lösen Irritationen aus.
In Ihrer Autobiographie beschreiben Sie diese Entdeckung als Wendepunkt in ihrem Leben: die Entdeckung der Stille.
In dem Augenblick der Fassungslosigkeit ist Stille allgegenwärtig. Fassungslosigkeit ist eine Form der Stille, die absolute Stille. Wird man von einem Ereignis getroffen, das einen fassungslos hinterlässt, wird man zunächst ankämpfen gegen die Stille. Das ist eine ganz und gar natürliche Reaktion. Ein Reflex gewissermaßen. Denn in der Stille lauert die Frage nach dem Warum.
Die quälende Frage nach dem Warum beschreiben Sie in Ihrem Buch eindrücklich als schneebedeckte Landschaft. Das Bild eines schneebedeckten Feldes hat Ihrem Buch den Titel gegeben. Sie beschwören das Bild einer Lichtung im Halbdunkel. Den scheiternden Versuch, die Augen daran zu gewöhnen. Das vergeblich Bemühen, zu erfassen, was sich hinter den Bäumen, den Sträuchern, am Rand der Lichtung verbirgt.
Sie schreiben: Sobald Sie meinen, etwas greifen zu können, zerrinnt es Ihnen im Weiß. Das ungreifbare Weiß als Metapher der Fassungslosigkeit, wenn ich Sie richtig deute.
Sie schreiben: Es könnten Wölfe lauern, dort am Rand der Lichtung, ein ganzes Rudel, das Ihnen nach dem Leben trachtet. Es könnte ebenso ein Kaninchen sein, das Schutz sucht in den Sträuchern. Oder eine Amsel, die Sie verscheuchten. Wohl auch ein, zwei Steine liegen dort, „unter dem Schnee, meine Existenz mit Nichtachtung strafend“, wie Sie schreiben. Um was es sich auch handelt, es befindet sich jenseits des für Sie Wahrnehmbaren.

Ich habe in jenem Winter viele Spaziergänge unternommen. Ich bin viel gegangen. Ich denke, so ist das für mich sehr starke Bild der schneebedeckten Landschaft entstanden. Man verbindet ja bisweilen zwei voneinander völlig unabhängige Dinge für immer miteinander, waren sie nur zufällig zum selben Zeitpunkt gegenwärtig. Für mich ist es die Schneelandschaft und die Frage nach dem Warum. Das ist ganz persönlich so.
Haben Sie eine Antwort gefunden? Eine Orientierung im Schnee?
Ich habe herausgefunden, dass es sich bei dem Warum um kein Kriterium handelt. Man schätzt sein Warum zu hoch, das ist meine Antwort.
Wie haben Sie Ihren Frieden gefunden?
Ich möchte Ihnen eine kurze Geschichte erzählen. Als ich eines Abends nach Hause kam, traf ich im Hinterhof auf eine wunderschöne rote Katze. Ein prächtiges Tier, keine streunende Katze, ganz und gar nicht. Auch nicht scheu, sondern zutraulich, wie es nur die verwöhnten Tiere sind. Ich konnte mir beim besten Willen nicht erklären, wie sie in den verschlossenen Hof gelangt war. Da sie es zuließ, nahm ich sie kurzerhand auf den Arm und nach oben in meine Wohnung.
Sie trug ein Halsband mit einem Amulett, in das eine Nummer eingraviert war, eine Telefonnummer. Wohl die Telefonnummer der Besitzer nahm ich an und versuchte direkt, sie zu erreichen. Ich rief die Nummer mehrmals an, jedoch ohne Erfolg. Während die Katze meine Wohnung inspizierte, wundere ich mich, doch blieben meine Anrufe unbeantwortet.
Nachdem sich die Katze eine Weile lang umgesehen hatte, begann sie sich zu langweilen. Das konnte ich natürlich nur vermuten, jedenfalls begann sie, zu miauen. Die Situation missfiel ihr sichtlich. Meine Anrufe blieben weiterhin unerhört. Und mir wurde bewusst, dass ich die Katze gegen ihren Willen in meiner Wohnung festhielt.
Wie um ihr ein Angebot zu machen, öffnete ich die Wohnungstür einen Spalt breit, und schon war die Katze draußen. Die Katze lief die Treppe hinunter in den 2. Stock, drehte sich aber alle drei, vier Stufen wieder und wieder nach mir um. Ich verstand das als Aufforderung und folgte ihr. Sie lief hinunter bis vor den Hauseingang und befahl laut miauend die Tür zu öffnen. Ich gehorchte gedankenlos und schon war sie entwischt, draußen, auf der Straße. Verschwunden in der Dunkelheit.
Ich machte mir Sorgen. Der Verkehr, die Kälte. Das hübsche Tier hatte es bestimmt nicht gelernt, sich draußen zurechtzufinden. Ich bedauerte es an diesen Abend, niemanden unter der Nummer erreicht zu haben. Aber schließlich schien mir die Schuld doch bei den Besitzern zu liegen. Ich für meinen Teil hatte mein Möglichstes getan. Wie kann man sein Handy unbeantwortet lassen, wenn man seine Katze vermisst? Läge Ihnen etwas an dem schönen Tier, würden Sie ans Telefon gehen, hielt ich den Unbekannten vor. Ein solches Maß an Unbedarftheit ärgerte mich.
Ärgerlich stellte ich fest, dass die Schuld mich nicht weiter betraf und mich nichts mit dem Schicksal der Katze verband. Bald dachte ich nicht mehr daran.
Einigen Wochen später, ich war auf dem Heimweg, begegnete ich ihr wieder. Sie war prächtig, wie ich sie in Erinnerung hatte. Das Abendlicht glänzte in ihrem Fell, als sie über die Straße stolzierte. Ich wusste sofort, dass es sich um die gleiche Katze handelte. Und doch, ich wunderte mich, es war mir sofort aufgefallen, etwas war anders: Sie trug kein Halsband. Hatte sie es abgestreift? Hatte sie es verloren? Hatten sie es ihr abgenommen?
Ich kann nur vermuten, dass die vielen Anrufe lästig geworden waren.

Built with Indexhibit