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Die versäumte Weltreise

(Interview)

Wie lebt es sich in dem Bewusstsein, sterben zu werden?
Was fragen Sie mich? In diesem Bewusstsein sollten auch Sie leben.
Ich meine, in Kürze sterben zu werden.
Ach so. Eigentlich lebe ich ganz normal, wie immer.
Gar kein Bedürfnis, das irgendwie zu verarbeiten?
Zu verarbeiten? Ich schreibe regelmäßig Tagebuch, wenn Sie das meinen.
Was schreiben Sie auf?
Ich habe mir schon vor einiger Zeit angewöhnt, in einer Handschrift zu schreiben, die im Nachhinein nicht zu entziffern ist. Um solche Fragen nicht zu beantworten, um nicht einmal in Versuchung zu geraten.
Also, die Antwort ist: Ich weiß es nicht. Tagebuchschreiben ist ja ähnlich wie Träumen, den Inhalt vergisst man sofort.
Werden Sie Ihre Tagebücher nach Ihrem Ableben der Öffentlichkeit überlassen?
Nun, ich werde sie schlecht ins Grab mit hineinnehmen können. Hinterlassen werde ich sie, aber eher dem Altpapiercontainer, nehme ich an.
Ihre Aufzeichnungen wären sicher von öffentlichem Interesse.
Wie ich schon sagte: Sie sind nicht zu entziffern. Weder von mir noch von irgendjemand anderem.
Dennoch stellen sie ein Zeitdokument dar, für Sammlungen oder Museen zum Beispiel.
Sie mögen recht haben, aber das interessiert mich nicht besonders.
Sprechen wir konkret über den Tag Ihres Sterbens. Dieser steht seit rund zwei Monaten fest. Inwieweit waren Sie an der Wahl dieses Datums beteiligt?
Ich konnte alles so wählen, wie ich wollte. Wissen Sie, es ist, wie es immer ist: Solange man mit seinen Wünschen alleine ist, sind Präferenzen möglich. Möglich, weil machbar. Im Großen und Ganzen hat man die Möglichkeit, seine Angelegenheiten individuell zu gestalten. Sobald etwas in Mode kommt, ist alles mit Kompromissen verbunden.
Welche Kriterien waren maßgeblich für die Festlegung auf ein persönliches Todesdatum?
Es war mir ein Anliegen von Anfang an, dass das Datum auf einen Spätsommertag fällt. Die Jahreszeit, in der ich mich am vitalsten fühle. Auf keinen Fall wollte ich schlapp und lustlos, sozusagen im Winterschlaf, abkratzen, wenn ich mich so ausdrücken darf.
Nein, ich möchte zuvor das Leben genießen. Eine gewisse Frische ist mir wichtig. Deswegen habe ich mich auch für einen Zeitraum zwischen elf und dreizehn Uhr entschieden. Das körperliche Wohlbefinden stand im Zentrum meiner Überlegungen.
Und zählen Sie die Tage?
Welche Tage?
Die Ihnen bis zu jenem Tag verbleiben?
Zählen ist zu viel gesagt. Mir ist durchaus bewusst, dass mit jedem Tag ein Tag weniger bleibt. Ja, das ist mir natürlich bewusst, aber diese Tatsache sollte Ihnen auch bewusst sein, genauso wie jedem anderen Menschen. Insofern verstehe ich Ihre Frage nicht.
Großen Wert legen Sie auf die Bezeichnung Ihrer Todesform.
Ja, das ist richtig. Ich habe mehrmals betont, es ist mir wichtig, dass es sich um eine Hinrichtung handelt. Im Gegensatz zu einer Tötung auf Verlangen oder einer Sterbehilfe oder gar einer Selbsttötung. Für mich liegt darin ein fundamentaler Unterschied.
Worin genau sehen Sie den Unterschied? Können Sie das erläutern?
Nun, ich befinde mich sowohl körperlich als auch seelisch in allerbester Verfassung. Das handelt sich nicht allein um meine persönliche Empfindung, sondern wurde im Rahmen der Verhandlungen offiziell von unabhängigen Gutachten bestätig. Es wäre deswegen falsch, von einer Sterbehilfe zu sprechen. Nein, ich bin mir sicher, es handelt sich um eine Hinrichtung, wenn auch nicht im Vollzug einer Strafe, sondern auf Verlangen.
Wir müssen von einer Hinrichtung auf Verlangen sprechen, die ich mir, nebenbei gesagt, in einem beispiellosen Gerichtsprozess erstritten habe.
Worin liegt für Sie der besondere Reiz einer, wie Sie sagen, "Hinrichtung auf Verlangen"?
Reiz ist vielleicht zu viel gesagt. Für meine Begriffe ist es ganz selbstverständlich, dass, sofern eine Hinrichtung als Strafe möglich ist, eine fremdbestimmte Hinrichtung, eine Hinrichtung auf Verlangen ebenfalls im Bereich der Legalität liegen muss.
Was der Staat befiehlt, muss dem Bürger auch als, sagen wir, Selbstzweck gestattet sein. Das entspricht meinem Verständnis von Freiheit, und ist, wenn Sie mich fragen, eine Grundvoraussetzung für Demokratie.
Was der andere an ihm vornehmen darf, sollte der Mensch an sich selbst vornehmen dürfen. Umgekehrt sieht es natürlich anders aus. Das ist eine ganz maßgebliche Prämisse der Freiheit, denke ich, und der Gleichheit.
Aber die Hinrichtung einer Person findet ausschließlich statt, insofern sie zuvor ein kapitales Verbrechen begangen hat.
Sie deuten an, ich hätte vor meiner Hinrichtung noch jemanden zu ermorden? Wollen Sie darauf hinaus? Diesen Umkehrschluss halte ich mit Verlaub für vollkommenen Unsinn.
Wie verbringen Sie die Ihnen verbleibende Zeit? Haben Sie irgendwelche Pläne?
Wie gesagt, ich schreibe viel Tagebuch. Das ist meine Hauptbeschäftigung zurzeit.
Ein Tagebuch, das weder Sie noch irgendjemand anderes jemals lesen wird, wenn ich Sie richtig verstehe.
Planen Sie zum Abschluss Ihres Lebens nicht eine Weltreise oder etwas Ähnliches?

In der Tat, ich hatte geplant, in den Monaten vor meinem Ableben auf Weltreise zu gehen. Ich hatte ein kleines Vermögen gespart. Aber die Gerichtsverhandlung zur Bewilligung meiner Hinrichtung war kostenaufwendig, und ich komme für sämtliche Kosten ganz alleine auf. Eine Todesstrafe bezahlt die öffentliche Hand von vorne bis hinten. Ein bodenloses Unrecht, wenn Sie mich fragen.
Haben Sie nicht erwägt, dagegen zu klagen?
Wissen Sie, letztendlich ist man machtlos. Das Thema Selbstbestimmtheit hin oder her. Um noch einmal auf das Datum der Hinrichtung zurückzukommen: Ursprünglich sollte sie vor zwei Jahren stattgefunden haben. Diese Verhandlung hat alles verzögert. Ich denke nicht, dass ich den Ausgang einer weiteren Gerichtsverhandlung erleben würde. Selbst wenn ich gewinnen würde, wovon ich nebenbei bemerkt ausgehe: Eine Weltreise würde ich dann auch nicht mehr unternehmen.
Und es ist nicht allein die Gerichtsverhandlung, die Hinrichtung an sich bezahle ich ja auch ganz alleine. Es ist aberwitzig, stellen Sie sich vor: Ich bezahle dem Vollstrecker meiner Hinrichtung eine dreimonatige psychologische Betreuung nach meinem Ableben. Können Sie sich das vorstellen? Glauben Sie, dass nach der Vollstreckung einer Todesstrafe irgendjemand psychologisch betreut wird? Aber sobald Sie als Privatperson etwas für sich verwirklichen, kommen sie von allen Seiten und verlangen Geld. Unverfroren knüpfen sie einem das Geld ab.
Es handele sich um eine psychische Extremsituation, ich bitte Sie! Ist das der Unterschied zwischen dem freien Willen und einer Strafe? Vollkommen absurd ist das.
Letztendlich mussten Sie also wählen zwischen einer professionellen Hinrichtung und einer Weltreise?
So kann man das ausdrücken. Zumindest in meinem Fall. Nun werde ich im Sommer zum Wandern in die Berge fahren.

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