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Haltung

(Interview)

Das fällt Ihnen nicht auf?
Nein, was?
Achten Sie einmal darauf, wie Sie Sätze bilden.
Warum denn, wie denn?
Machen Sie das absichtlich?
Ich weiß nicht, was Sie meinen.
Ich bitte Sie.
Ich habe wirklich keine Ahnung, wovon Sie jetzt wieder sprechen.
Erstaunlich.
Nun bitte sagen Sie schon, Sie machen mich ganz verrückt.
Bei Ihnen hat jeder Satz in der Mitte ein Komma, und davor und danach ist die gleiche Anzahl von Wörtern.
Meinen Sie das ernst, Sie veralbern mich doch.
Es ist wirklich verrückt, Sie wissen das nicht?
Mir war nicht aufgefallen, dass das so ist. Aber ist es bei Ihnen nicht genauso, oder habe ich mich eben etwa verzählt?
Nein, bei mir war das reiner Zufall, eben.
Tatsächlich, schade.
Können Sie sich noch daran erinnern, wann das bei Ihnen angefangen hat.
Doch da, schon wieder!
Bitte, was?
Es war eben wieder so, wenn mich nicht alles täuscht.
Ach was, wann hat das bei Ihnen angefangen, sagten Sie?
Schwer zu sagen, ich weiß nicht.
Aber jetzt ist es Ihnen doch bewusst, vielleicht haben Sie es lange Zeit verdrängt?
Das kann schon sein, wenn Sie das sagen.
Empfinden Sie es als unangenehm, oder stört es Sie nicht?
Eigentlich stört es mich nicht, wenn ich es mir überlege.
Und unternehmen Sie irgendetwas bewusst dagegen, indem Sie es zu unterdrücken versuchen?
Wenn ich es unterdrücke, wie gerade im Moment, ändert das nicht viel, oder meinen Sie schon?
Sie haben zwar das ursprüngliche Muster unterbrochen, statt einen Satz mit Wörtern Komma Wörtern, bildeten Sie einen mit Wörtern Komma Wörtern, Komma Wörtern Komma Wörtern rein abstrakt betrachtet, aber das ändert leider nicht wirklich viel.
Würde das nicht sogar bedeuten, mein Problem hätte sich verschlimmert? Also verdoppelt, abstrakt gesehen?
Jetzt bezeichnen Sie es selbst als Problem, möchten sich wohl nicht einfach abfinden damit. Empfinden Sie es als belastend, ist es Ihnen sehr unangenehm?
Soweit es die Kommunikation nicht erheblich beeinträchtigt, sehe ich es eigentlich nicht als Problem. Und unterhalten wir uns nicht recht angeregt, empfinden Sie das Gespräch etwa als gestört?
Wie formuliere ich es am besten, die Sache steht schon im Raum. Es ist bestimmt nicht angenehm für Sie, und das tut mir wirklich sehr leid.
Was soll ich machen, lästig ist es schon. Aber bevor Sie mich darauf hinwiesen, empfand ich es nicht als belastend. Wie kann ich mir eigentlich sicher sein, dass Sie mir nicht alles eingeredet haben? War es denn überhaupt schon so, bevor Sie mich darauf angesprochen haben? Und wie verrückt sind Sie, dass Sie alle Wörter zählen?
Mit dem Zählen habe ich eben erst begonnen, es kam mir aber schon vorher so vor, als ob da irgendetwas komisch ist an Ihnen, irgendetwas an Ihnen stimmte von Anfang an nicht.
Sie machen es genau so, fällt Ihnen das nicht auf?
Ach was, stimmt nicht.
Doch natürlich, gerade wieder.
,Ach' ist kein Wort, das zählt nicht.
Wenn Sie meinen, dann eben jetzt.
Lassen Sie das, Sie verrückter Spinner.
Sehen Sie, da wieder.
War eben ein Fragezeichen in der Mitte, oder habe ich mich da etwa getäuscht?
Ich weiß es nicht, das kann schon sein.
Trotzdem habe ich das Gefühl, bei Ihnen ist es schlimmer.
Finden Sie denn wirklich, dass es schlimm ist?
Schlimmeres gibt es ja immer, aber normal ist das nicht.
Wollen Sie damit sagen, es ist eine Behinderung?
Was weiß ich, was es ist?
Vielleicht ist es einfach unser Stil, wäre das nicht eine gute Erklärung?
Unser Stil, sagen Sie?
Zumindest können wir das behaupten, wenn wir darauf angesprochen werden. Oder irgendwie unangenehm auffallen, man weiß ja nie.
Wenn Sie mir sagen, wir könnten unangenehm auffallen, gefällt mir das nicht, das macht mir Angst.
Es ist alles eine Frage der Haltung, da muss man doch keine Angst haben.
Wie meinen Sie das, eine Frage der Haltung?
Wir sagen halt einfach, das ist unser Style.
Kommt das nicht recht derb, wenn man sich so ausdrückt?
Eher lässig, finde ich.
Es fängt an, mir zu gefallen.
Dass Sie leicht zu beeindrucken sind, das war mir schon immer bewusst.
Ich bin überhaupt nicht beeindruckt, das denken Sie sich nur.
Sowieso denke ich nicht, dass es irgendjemandem auffällt.
Wirklich nicht, meinen Sie?
Niemand zählt doch die Wörter, so bescheuert ist eigentlich keiner.
Machen Sie sich nur lustig, wenn es Ihnen gut tut. Ich für meinen Teil hoffe nur, dass ich es mir wieder abgewöhne.
Da sieht man doch wieder, wie verschieden die Menschen sind.
Ich mag es jedenfalls nicht, auch wenn es Ihnen gefällt.
Es fällt viel mehr ins Auge, dass Sie ständig kritisieren und herummäkeln.
Ich sage Ihnen etwas, das ist mir egal. Sie mit Ihrem Gerede, lassen Sie mich einfach.
Das ist doch eine gute Einstellung, die Sie da zu Tage legen. Sich immer Gedanken zu machen, was andere vielleicht denken könnten, ob andere unsere Wörter abzählen, das ist sicher nicht gesund. Verzweifeln Sie nur nicht, es wird schon wieder.
Woher wollen Sie wissen, ob es wieder wird.
Das habe ich im Gefühl, vertrauen Sie mir doch einfach.
Wie ich wünschte, Sie hätten Recht.
Habe ich immer, nur keine Angst.
Sie haben immer Recht, meinen Sie das ernst? Wenn das wahr ist, wäre das wirklich beeindruckend.
Ja, nicht?

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