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Theater

(Interview)

Sehr schön. Da sind Sie ja. Fangen wir gleich an!
Nein.
Bitte?
Ich habe es mir anders überlegt. Es tut mir leid.
Was soll das heißen?
Ich möchte nicht.
Wie bitte?
Es tut mir leid.
Sie möchten nicht? Das kann ich nicht glauben. Was für ein Theater, und jetzt sagen Sie, Sie möchten nicht?
Das ist blöd, ich weiß. Ich habe keinen guten Tag heute.
Keinen guten Tag?
Ja.
Sie können nicht einfach absagen mit der Begründung, Sie haben keinen guten Tag. Wo sind wir denn? Das kann ich nicht akzeptieren. Auf gar keinen Fall!
Ich sage ja, es tut mir leid. Es tut mir wirklich leid. Aber es geht nicht. Es ist nicht möglich. Ich möchte nicht. Bitte akzeptieren Sie das.
Das ist nicht zu akzeptieren. Haben Sie eine Ahnung, wie viel da dranhängt? Von dem Aufwand ganz zu schweigen. Reißen Sie sich bitte zusammen.
Nicht heute. Heute möchte ich nicht. Es tut mir leid.
Augen zu und durch, dann klappt das schon. Aller Anfang ist schwer, ich verstehe das doch. Stellen Sie sich nicht so an.
Sie verstehen mich nicht. Ich habe keine Angst, ich möchte nicht. Schlicht und ergreifend. Punkt. Heute ist nicht mein Tag, morgen ist nicht mein Tag, übermorgen ist nicht mein Tag. Das ist nicht meine Woche.
Ich glaube es einfach nicht. Ich kann es nicht fassen.
Es tut mir ja leid, zum sechsten Mal.
Sie hätten sich das früher überlegen müssen.
Früher wusste ich das doch nicht. Dass heute nicht mein Tag ist, war doch zuvor nicht zu ahnen. Das hat sich erst heute herausgestellt.
Zum letzten Mal: Wir fangen jetzt an. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich zusammenreißen. Ein für alle Mal.
Nein. Das ist nicht möglich. Was daran nicht zu verstehen ist, frage ich mich.
Los jetzt! Los!
Lassen Sie das. Heute nicht. Ich möchte nicht.
Das ist wirklich unglaublich. Eine unbeschreibliche Situation.
Was soll ich machen.
Ihnen ist überhaupt nicht bewusst, worum es geht. Was Sie mit Ihren Launen anrichten. Darüber machen Sie sich nicht die geringsten Gedanken. Vollkommen gleichgültig ist Ihnen das.
Hören Sie bitte auf.
Weinen Sie etwa?
Nein.
Auch das noch. Was ist bloß los?
Nichts.
Ich glaube es einfach nicht. So ein Theater!
Es ist nichts.
Was soll ich davon halten? Ich habe nicht die geringste Ahnung, was vor sich geht. Was ist mit Ihnen?
Lassen Sie mich in Ruhe.
Ich soll Sie in Ruhe lassen? Mit Ihnen stimmt doch was nicht.
Es ist einfach nicht mein Tag.
Das ist wirklich nicht normal. Ihnen ist doch nichts zugestoßen?
Nun, ja. Gewissermaßen schon, eben gerade. Ein Vogel ist mit mir zusammengestoßen.
Ein Vogel?
Ist mir gegen den Mund gestoßen, mit aller Wucht. Mir ist das vorher auch noch nicht passiert. Ich bin so erschrocken.
Gegen den Mund gestoßen?
Ja, einfach so. Völlig abrupt.
Was für ein Vogel? Wo ist das passiert?
Gerade, auf dem Weg. Ich bin mit dem Fahrrad gefahren, wie immer. Und auf einmal, zack, der Vogel.
Zack?
Zack, bumm.
Sagen Sie mal.
Wenn ich daran denke, wird mir ganz anders.
Ein gewöhnlicher Vogel? Sind Sie etwa mit offenem Mund gefahren?
Nein, natürlich nicht.
Dann ist doch nichts passiert.
Wie meinen Sie das?
Soweit ich es beurteilen kann, haben Sie keinerlei Blessuren. Milben oder Bakterien dürften Sie sich auch nicht eingefangen haben. Zumindest nicht oral. Machen Sie sich keine Sorgen.
Können Sie sich das vorstellen, wie das war? Mag sein, dass man nichts sieht, aber meine Lippe schmerzt noch immer.
Darüber kommen Sie hinweg. Seien Sie doch nicht albern. Wie Sie sich anstellen! Reißen Sie sich bitte zusammen. Nicht einmal gerötet ist ihre Lippe.
Was für ein Aufprall! Das Gleichgewicht hätte ich verloren um ein Haar, die Fassung. Nicht zu einem klaren Gedanken war ich fähig, derart bin ich erschrocken.
Wie schnell sind Sie denn gefahren?
Ganz normal, wie immer. Noch nie ist mir so etwas passiert.
Schön, Sie haben es ja überlebt.
Ich schon.
Wie meinen Sie das?
Egal.
Ach so!
Ich weiß es ja nicht.
Wollen Sie etwa sagen, Sie haben gar nicht nachgesehen?
Nein. Ich habe Ihnen doch gesagt, ich konnte nicht mehr klar denken. Ich habe mich darauf konzentriert, nicht vom Fahrrad zu fallen. Ich hätte womöglich das Gleichgewicht verloren, hätte ich gebremst.
Wie sind Sie sich eigentlich so sicher, dass es sich um einen Vogel handelte? Wie Sie den Hergang schildern, war es eine Sache von Sekunden. Sie hören jetzt sofort auf, zu weinen.
Was soll es sonst gewesen sein? Es kann nur ein Vogel gewesen sein.
Sind Sie sich sicher?
Also entweder ist es geflogen oder von einem Baum gefallen.
Ich kann wirklich nicht glauben, dass Sie nicht angehalten haben.
Sie können sich nicht vorstellen, wie schnell das ging. Was hätte ich denn machen sollen?
Sie hätten umkehren müssen. Sie hätten nachsehen müssen, was Sie angerichtet haben.
Was ich angerichtet habe? War das denn meine Schuld?
Behaupten Sie allen Ernstes, die Schuld läge beim Vogel?
Natürlich nicht.
Ein Apfel?
Wie meinen Sie das?
Es könnte ein Apfel gewesen sein, der just, als sie vorbei rasten, zu Boden fiel?
Da ist kein Apfelbaum. Ich bin nicht gerast.
Eine Kastanie?
Aber zu der Jahreszeit? Außerdem war es pelzig.
Pelzig? Das konnten sie erspüren? Im Bruchteil einer Sekunde?
Mit meinen Lippen. Meine Lippen sind sensibel.
Nun, das spräche dafür, dass es sich um einen kleinen Vogel handelte. Ein Junges. Sozusagen
Sagen Sie doch so was nicht.
Eine Maus wird es nicht gewesen sein.
Das ist furchtbar.
Sie haben es gleich bei seinem ersten Flugversuch erwischt. Mit letalen Folgen, womöglich. Genickbruch.
Sagen Sie nicht so etwas.
Selbst wenn es bewusstlos auf den Weg gefallen ist, das nächste Auto wird das Übrige getan haben.
Da fahren keine Autos.
Das nächste Fahrrad, der nächste Hund, die nächste Katze, ein Raubvogel. Es wird sein Leben schon ausgehaucht haben.
Warum sagen Sie denn so etwas?
Warum sind Sie denn nicht umgekehrt?
Ich wollte doch, aber es ging nicht. Glauben Sie mir!
Und wie nur hätte ich helfen können: Berührt ein Mensch ein Vogelkind, wird es fortan gemieden. Eltern und Artgenossen wittern den Menschen. Abgewiesen, ausgesetzt verhungert es. Das hat man schon als Kind gelernt. Verhungern. Ein qualvolles Sterben.
So legen Sie sich alles recht schön zurecht.
Was hätte ich Ihrer Meinung nach tun sollen?
Anhalten, umkehren, sich wenigstens auseinandersetzen mit der Schuld!
Das Leben geht weiter.
Gut, dann fangen wir jetzt an!
Nein.
Wie egozentriert Sie sind! Geben Sie es einfach zu, es ist Ihnen vollkommen egal, was aus dem Vogel geworden ist, es ist Ihnen vollkommen gleichgültig. Wenn er gestorben ist, haben Sie ihn auf dem Gewissen. Aber das spielt keine Rolle, für Sie spielt das keine Rolle. Ich spiele ja auch keine Rolle, für Sie. Nur an sich selbst denken Sie und erwarten das gleichfalls von allen anderen.
Sehen Sie mich an, wie schlecht es mir geht. Am Boden bin ich zerstört. Vor allem wegen des Vogels, aber auch wegen Ihnen, Sie müssen mir glauben. Sehen Sie mich an! Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Sie folgen mir auf Schritt und Tritt, das Unglück. Die Moiren.
Was für Moiren?
Tun Sie doch nicht so.
Nein, tun Sie nicht so.
Sie gefühlskalter Mensch.
Sie verwechseln Jammerei mit Gefühl. Sie drehen sich nicht um, wenn es darauf ankommt. Kommt es darauf an, einen kleinen Vogel vor dem sicheren Tod zu retten, da bleiben Sie nicht stehen, da fahren Sie weiter!
Gut. Nun, ich werde zurückkehren und tun, was ich tun muss. Lassen Sie mich gehen. Vielleicht ist es noch nicht zu spät. Lassen Sie mich vorbei.

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